Liebe Freunde,

liebe Gäste,

 

das erste Wort der europäischen Literatur ist „Zorn“, „Menin aeide thea…“ Den Zorn besinge Göttin… So beginnt Homers Epos „Ilias“ ca 900 Jahre vor unserer Zeitrechnung.

 

Ja, den Zorn besinge Göttin angesichts dessen, was um mich, um uns geschieht, was ich, wir alle geschehen lassen im Namen der „Europäischen Werte“, die bedroht sein sollen von den Horden fremder, barbarischer Zivilisationen, die mit bloßen Füssen unsere „nationale Identität“ zertreten und mit ihren hungrigen Augen auf unseren Wohlstand schielen…

 

Den Zorn besinge Göttin

… angesichts der Geschichtsvergessenheit und der Erschaffung der dafür benötigten falschen Fakten…

… angesichts  unserer Ignoranz gegenüber nicht-europäischer Lebens-Gesellschafts-Formen, Religionen, Kulturen…

…angesichts der höchst privaten Auslegung des Begriffs „Menschenwürde“ usw. …

Aber erst einmal der Reihe nach…

 

Europa, die Schöne, war – nach dem Mythos – eine phönizische Prinzessin. Zeus, ein Fremder, ein griechischer Gott verliebte sich in das Mädchen, nahm die Gestalt eines kuscheligen, verspielten weißen Stiers an, lud die Prinzessin zu einem Ausritt auf seinem Rücken ein und entführte sie nach Kreta. Dort nahm er seine männlich-göttliche Gestalt wieder an und vergewaltigte das Mädchen solange er Lust dazu hatte. Unter den drei Söhnen, die Europa dann zu Welt brachte, war Minos, Schöpfer der „Minoischen Kultur“ und des Labyrinths von Knossos, in dem die Bestie Minotaurus wütete, die mit Menschenfleisch gefüttert wurde. So viel zum Entstehungsmythos.

 

Alles begann also mit Täuschung und Gewalt. Kein gutes Omen für Europas Nachkommen, die Europäer…

 

Sie benehmen sich – wie genetisch programmiert – immer nach dem gleichen Schema: die Situation des Anderen, Fremden schnell erkennen, eigene Interessen formulieren, Strategien der Täuschung entwickeln und im richtigen Moment erbarmungslos zuschlagen.

 

So konnte der Schweinehirt und Analphabet Francisco Pizarro das Reich der Inkas ausplündern und zerstören, sein gleichgesinnter Hernán Cortés tat das gleiche mit den Azteken. Mit Glasperlen, Schnaps und – dann doch – Revolvern haben europäische Flüchtlinge Nordamerika den barbarischen, blutdürstigen Rothäuten entwendet. Jawohl… und es waren nicht nur verarmte europäische Bauern und Handwerker, die auf der Suche nach einem besseren Leben aus Europa flüchteten sondern auch Händler, Kriminelle, Soldaten, Lehrer und christliche Missionare in Gottes und der Kirche Auftrag… Wer spricht da von Genozid gegen Nordamerikas Ureinwohner?

 

Wo europäische „Entdecker“, europäische Kolonialarmeen einmarschierten, hinterließen sie Verwüstungen, die so lange geleugnet wurden, bis der Gestank aus den Massengräbern die Luft verpestete. Dann schwamm man im Fluss des Vergessens und kam ans andere Ufer frei von jeder Schuld. Dann lag man mit fettem Bauch im Schatten und philosophierte über Zeit und Raum, Freiheit und Würde, Humanität, Transzendenz, über das Sein über das Böse…

 

Wer will schon wissen, dass der große Humanist Voltaire in Aktien einer Sklavenhandels-Gesellschaft investierte, die ihm das 1000fache seines Einsatzes einbrachte?

 

Und wer weiß nicht, dass eine der größten Quellen europäischen Wohlstands der afrikanische Kontinent ist? Gold-, Silber-, Diamanten-Minen, seltene Erden, Erze, sonstige Bodenschätze durch die Arbeit von Abermillionen Sklaven und Hungerlohn-Arbeitern zutage gefördert und nach Europa verschifft, gehörte (selbstge-)rechtmäßig natürlich den Männern mit dem Gewehr und der Peitsche, den Europäern…

 

Wer weiß nicht, dass Belgiens Leopold II. aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha der Besitzer des Kongo war, als Privatmann, nicht als König… Und wer will schon wissen, dass Leopolds Schergen Kindern oder Frauen von Arbeitern in „seinen“ Kautschukplantagen, die ihr Soll – wegen Erschöpfung – nicht erfüllen konnten, Hände oder Füße abhackten, pökelten, und auf Stangen spießten mit denen sie dann die Wege zur Arbeit säumten, zu Steigerung der Effektivität…

 

Klar gab es unter den Einheimischen in allen Kontinenten auch vor dem Einfall der Europäer Stammeskriege, Sklavenmärkte, Grausamkeit und Gier, aber erst durch die Abgesandten aus den Zentren der Kultur, aus Spanien, Portugal, den Niederlanden, Frankreich, Deutschland, Italien wurden Sklaverei, Raub und Völkermord zu Instrumenten einer geradezu apokalyptischen Geschäftspraxis. Belgiens Leopold II. allein steht für den Tod von 10 Millionen – manche schätzen die Zahl eher auf 20 Millionen – Menschen in der Verantwortung. Aber er schmückt noch immer als glanzvoller Reiter einen der Brüsseler Plätze.

 

Den Zorn besing Göttin…, der mich überfällt, wenn der Innenminister Italiens von „Fleisch“ spricht, statt von Menschen auf der Flucht und noch immer im Amt bleiben darf…

 

…oder wenn ein deutscher Innenminister sich rühmt zu seinem 69ten Geburtstag 69 Flüchtlinge „repatriiert“ zu haben. Einer beging dann „dort“ Selbstmord, aber der war eh ein Krimineller…

 

Den Zorn besing Göttin…, der mich überfällt, wenn der gehirn-amputierte U.S. Präsident die Trennung von 2.300 Kindern von ihren Eltern anordnet – illegal eingewanderten Mexikanern – und seine Migrationsbeauftragte, ca. 38, blond, im blauen Chanel-Kostüm, der Presse mitteilt, dass sie die Aufregung nicht verstünde.., den Kindern ginge es doch prächtig … in ihren Käfigen…

 

Liebe Gäste, Freunde, ich habe nur ein paar Fakten in Erinnerung gerufen, die den Preis nennen, den wir, Europäer für unsere Werte bezahlen müssen. Ohne das Wissen darüber kann man nicht über Werte streiten, diskutieren. Aber auf unserem Kontinent sind auch Begriffe formuliert, wie Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Respekt, Menschenwürde – die unantastbar zu sein hat – und, von mir aus, auch Nächstenliebe. In Kämpfen um diese Begriffe sind Abermillionen Menschen auch auf unserem Kontinent gestorben.

 

Überlassen wir nicht das Denken den Pferden, weil sie einen größeren Kopf haben und das Sprechen über „Europäische Werte“ nicht den apokalyptischen Reitern der jeweiligen Heimatfront, denn „der Schoß ist trächtig noch aus dem das Übel kroch“ (Brecht über den NS).

 

Ach, es macht keinen Spaß so etwas zu schreiben, aber das müssen Sie ja nicht lesen.

So oder so, ich wünsche Ihnen und uns eine angenehme, anregende Zeit in der „Paris‘ Bar“.

 

 

Herzlich Willkommen,

Ihr Paris Kosmidis

 

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